Monatsbrief September

Propst Benner

Monatsbrief über den aktuellen Stand der Veränderungen
in der Pfarrei Franz von Assisi, Kiel

September 2021

Am 12. September haben wir mit vielen gemeinsam die „Nachfeier des Fronleichnamsfestes“ im Klosterpark hinter Liebfrauen gefeiert. Endlich konnten wir nach den langen Monaten mit Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie wieder in größerer Zahl aus allen Gemeinden unserer Pfarrei zusammenkommen, in Gemeinschaft Gottesdienst feiern und einander wiedersehen.

Da aber natürlich längst nicht alle daran teilnehmen konnten, sende ich Ihnen diesen Monat als Monatsbrief die Predigt des Gottesdienstes in gekürzter Form.

Ihr Propst Benner


Predigt zu Fronleichnam 2021 (gekürzt)

Endlich wieder einmal zusammenkommen aus allen Gemeinden unserer großen Pfarrei in Kiel und im Umland: Das war ja lange nicht möglich, denn die Corona-Pandemie ließ es nicht zu.
Wir haben einander lange nicht gesehen und nicht gesprochen. Viele sind trotz des Sommers noch erschöpft von HomeOffice und HomeSchooling, genervt vom Abstandhalten und den Masken und vermissen all das, was nicht stattfinden konnte.

Heute aber sind wir zusammengekommen zu einer Zeit, in der viele von einem Neustart sprechen. Was stärkt uns? Was läßt uns hoffen? Jetzt, wo die Sommer- und Urlaubszeit zu Ende geht und auch andernorts Neues beginnt, hoffen auch viele im Bereich unserer Pfarrei darauf, daß „es nun bald wieder losgeht“. Doch daß nicht alles in vormals bekannter Weise nun einfach fortgesetzt werden kann steht vielen deutlich vor Augen. Deshalb hat sich das Pastoralteam der Hauptamtlichen Gedanken gemacht, wie es die Herausforderungen der Pandemie und anderer Krisensymptome versteht und welche Konsequenzen es ziehen will. 

Wir haben uns entschlossen, dem Pastoralkonzept, das ja schon aus dem Jahr 2013 stammt, einige Leitsätze voranzustellen, die für die anstehende pastorale Ausrichtung maßgeblich sein sollen. Derzeit diskutieren die Gemeindeteams dazu zwei Leitfragen: „Welche Einsichten und welche Konsequenzen scheint uns hier an unserem Ort am Wichtigsten? Wie wollen wir bei uns angehen?“ Denn Kirche und Gemeinde lebt ja vor Ort.

Die Ausgangslage ist die längst nicht mehr neue Feststellung, daß sich die Gestalt von Kirche und Gemeinde schon seit Längerem wandelt, „Volkskirche“ schwindet und zu „Kirche in Beziehung“ wird, wie es der Erzbischof genannt hat. Haben wir trotzdem nicht doch nur versucht, das Bekannte unter Aufbietung aller möglichen Kräfte zu bewahren?

Als ich als Diakon und Kaplan in der Zeit von 1986 bis 1990 zum ersten Mal in Kiel war, gab es noch 11 Pfarreien mit 8 Pfarrern, 3 Kaplänen und in jeder Gemeinde eine hauptamtliche Gemeindereferentin bzw. ein Gemeindereferent. Es gab noch die Kommunität der Franziskaner mit 4 Patres und Brüdern, einen Studentenpfarrer und einen im Uniklinikum und einen Diakon für die Gefängnisse. Aus den damals mehr als 27.000 Katholiken sind mittlerweile ca. 22.000 geworden, von den 13 Kirchen damals wurden schon vier aufgegeben und weitere vier stehen unmittelbar an. Das heißt nicht, daß alles einfach nur weniger geworden ist; es ist anders geworden, es zeigt eine schon lange andauernde Suchbewegung nach einer neuen und passenden Gestalt.

Nun hoffen wir also darauf, daß es „wieder losgeht“. Ja, – aber das bedeutet, daß wir nicht nur an Altes anknüpfen können, um es wiederzubeleben, sondern daß auch der Wandlungsprozeß weitergeht.

Was läßt sich aus den bisherigen Erfahrungen lernen? Welche Impulse gibt zusätzlich die Corona-Zeit? Schon länger wissen wir, daß nicht für alle dasselbe zur jeweils gleichen Zeit paßt. Es gibt eine große Ungleichzeitigkeit. Wir wissen, daß sich die verschiedenen Glaubensweisen und Zugangsweisen zu Kirche und Gemeinde abbilden müssen in unseren Angeboten und Formen.

Es zeigte sich nun zum Beispiel bei den Gottesdiensten: In der Corona-Zeit haben viele unsere digitalen Gottesdienstangebote wahrgenommen, aber andere haben aber nicht einmal bemerkt, daß wir solche angeboten haben. „Gottesdienste auf dem Sofa“, „Streamings“ haben die Liturgie der Pfarrei bereichert. Unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter haben großen Aufwand betrieben. Aber Gemeinschaft in Präsenz fehlte vielen doch sehr.

Nicht für alle aber ist die Feier der Hl. Messe das Richtige, obgleich sie für uns „Quelle und Höhepunkt“ aller Gottesdienste ist und bleibt. Im Kreis der WortGottesFeier-Beauftragten haben wir besprochen, die Zahl der Wort-Gottes-Feiern zu erhöhen und ihre Art zu auszubauen, zunächst in den geprägten Zeiten des Advents und der Fastenzeit, demnächst aber auch in der Sommer- und Ferienzeit. Die Erfahrungen in Bezug auf die Annahme solcher Feiern sind unterschiedlich. An manchen Orten werden sie zahlenmäßig genauso gut angenommen wie die Feier der Hl. Messe, andernorts deutlich schwächer bis gar nicht.

Es ist wie so oft: Widerstände kommen nicht nur von außen, sondern auch von innen. Skepsis und Mutlosigkeit gehören zur Begleitmusik eines Neustarts. Aber es gibt eben auch die Freude über das Neue, das Gemeinschaft im Glauben zum Ausdruck bringen kann.

Wir leben in einer „Zeitenwende“, gekennzeichnet durch Individualisierung und Erlebnisgesellschaft, neue Medien, Migration, Klimawandel usf.. Der Wandel ist global und beschleunigt sich selbst.  Er transformiert alle Lebensbereiche: Arbeit, Freizeit Partnerschaft und Familie, Schule, Erziehung, Ökonomie und Ökologie, Gesundheit –  und eben auch Religion. Manche ängstigt das. Volkskirchliche Formen gehören aber glücklicherweise nicht wesensmäßig zum christlichen Glauben. Mut zu neuen Wegen!

Der synodale Weg, den die Bischöfe nach den beklagenswerten Mißbrauchstaten angestoßen haben, kann Impulse geben zu einem neuen Verständnis des Miteinanders in unserer Kirche. Wir wollen für seinen Erfolg beten und seine Impulse auch in Kiel nachvollziehen.

Nicht für alle dasselbe zur selben Zeit, am selben Ort und in derselben Weise. Das gilt z.B. auch für die Sakramentenkatechese. Gestern habe ich vier junge Leute gefirmt. Es war bereits die 25 Firmung in einer kleinen Gruppe, die sich zusammengefunden hat, um über den Glauben zu sprechen, die Taufe ernst zu nehmen und die Firmung vorzubereiten. Jede dieser Gruppen hatte ihren eigenen zeitlichen Rhythmus und einen eigenen Schwerpunkt. Ursprünglich aus der Not der Corona-Zeit entstanden, wo aus Schutzgründen nur kleine Gruppe zusammenkommen konnten, werden wir diese Form beibehalten, weil sie sich – auch im Sinne des gesuchten Neustarts – bewährt hat. Wir werden also erleben, daß übers Jahr immer wieder Gruppen beginnen und daß übers Jahr verteilt immer Firmungen gefeiert werden. Ähnliches gilt die die Vorbereitung Taufe und Erstkommunion …

Gemeinde lebt vor Ort. Von der Ebene der Pfarrei aus wollen die Priester und die Hauptamtlichen dazu besonders die örtlichen Gemeindeteams stärken. Gemeindeteams sollen an allen Orten sein, wo Gemeinde sich versammelt. Das kann auch in Form eines ökumenischen Kooperationsausschußes sein wie z.B. in Heikendorf. Jeder Gemeindeort soll auf Dauer seinen festen hauptamtlichen „Ortskoordinator/in“ haben.

Gemeinde lebt vor Ort. Die Aufgabe von Kirchen und anderen Gebäuden soll nicht zu einer Aufgabe der örtlichen Gemeinden werden. Der „Umzug“ in Heikendorf, der eben kein „Weg-zug“ war, kann dafür stilbildend sein. Ökumenische Kooperationen können große Chancen bieten. Aber möglicherweise ist auch so, daß eine Gottesdienstgemeinde entscheidet, es sei besser, nicht in die evangelische Kirche nebenan ziehen, sondern sich einem unserer großen verbleibenden Standorte anzuschließen. Solche Veränderungen schmerzen; aber sie können tatsächlich zu einem neuen Anfang werden …

Ich müßte noch ganz viele andere Beispiele anführen, z.B. die Gremienstruktur, neue Profilierungen an den großen verbleibenden Orten u.a.m. Dazu reicht die Zeit (und die Form einer Predigt) nicht.

Heute aber sind wir endlich wieder zusammengekommen zu einer Zeit, in der viele von einem Neustart sprechen. Was stärkt uns dazu? Was läßt uns hoffen?

Es ist das Fest, das wir feiern: Fronleichnam, in dessen Mitte das lebendige Brot vom Himmel steht, das uns stärkt. Gottes Wort gibt uns Kraft, und das Brot des Lebens, das wir miteinander teilen. Freude macht es, das in Gemeinschaft zu tun. Mut schenkt es uns, weil es sagt, daß wir nicht nur auf unsere kleinen Kräfte und Möglichkeiten schauen müssen, sondern auf Gottes Gegenwart – in bescheidenen, aber heiligen Zeichen und Gaben – bauen dürfen.

Letztlich ist ein echter neuer Start immer Gottes gute Gabe und insofern hat er österliche Qualität. Er überwindet, was manchmal so unveränderbar scheint wie der Tod. Er schafft neues Leben, wo man es nicht vermutet. Wie das schlichte Brot zum Zeichen und Sakrament der lebendigen Gegenwart unseres Herrn wird, verdankt sich der Aufbruch zu Neuem unserem Herrn, der an unserer Seite geht wie seinerzeit den Emmausjüngern und jederzeit bei denen, die bereit sind, mit brennendem Herzen mit ihm gehen. Darum wollen wir beten:

Herr, erwecke deine Kirche und fange bei mir an. Herr, baue deine Gemeinde und fange bei mir an. Herr, laß Frieden überall auf Erden kommen und fange bei mir an. Herr bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an. Amen.


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